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zurück zur Übersicht "Wichtige Artikel" > diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen > Zur Einfühlung in der FesthaltetherapieInterview mit Jirina PrekopJirina Prekop: Darüber sind sich nicht einmal die vielen Fremdwörterlexika im Klaren. In einigen fehlt das Wort sogar ganz. In anderen, selbst im Lexikon der Psychologie (Arnold, Eysenck, Meili) wird ohne weitere Erklärungen auf das Wort "Einfühlung" verwiesen und die Bedeutung dieses Wortes mit einem Atemzug teilweise relativiert ("In der psychologischen Praxis kommt der Einfühlung erhebliche Bedeutung zu, wenngleich sie nie den Rang einer wissenschaftlichen Methode erhalten hat, da sie nicht objektivierbar ist.") Über kaum einen anderen psychologischen Begriff herrscht so viel Unklarheit und kaum einer wird von der universitären Psychologie so stiefmütterlich behandelt, wie eben die Einfühlung. Die Diskussion um den Begriff ist aber für unser Gespräch sowieso nicht wichtig. Vielmehr müsste uns das Eigentliche bewegen, das unter den Begriffen verborgen ist, und die Einflüsse, die ihm schaden. Birgit Lang: Und was ist das Eigentliche? Jirina Prekop: Die Liebe. Ohne das gegenseitige Einfühlen gelingt nämlich auch die Liebe nicht. Die Einfühlung ist für die Liebe so bedeutsam wie es der Kern für den Apfel ist. So unverzichtbar wie es das Gefälle des Berghanges für den Fluss des Wassers ist. Im Grunde genommen sind die beiden Begriffe, der altgriechisch und der deutsche, in ihrer Kombination und Bedeutung gleich: "em" (= ein) und "pathos" (=Gefühl, Ergriffenheit, Leiden). Ich schlage vor, dass wir im weiteren Gespräch das deutsche Wort Einfühlung verwenden. Birgit Lang: Wie ereignet sich die Einfühlung? Jirina Prekop: Es ist ein innerer Prozess, unter dem ich versuche, mich in die Lage des Gegenübers zu versetzen (Wie geht es dir in dieser Lage?), seine Gefühle wahrzunehmen (Was fühlst du?), sie mit meinen Gefühlen zu vergleichen (Kenne ich diese Gefühle? Habe ich etwas Ähnliches schon erlebt?), aufgrund der Ähnlichkeit mit ihm mitzuschwingen (oh ja, ich weiß, wie es dir geht) und aufgrund der Unterschiedlichkeit seine besonderen Gefühle zu beachten und zu verstehen versuche (ich beginne zu ahnen, wie es dir geht; zwar habe ich diese Erfahrung noch nie gemacht, ich will aber noch mehr von dir wissen) und sich dadurch beschenkt zu wissen. Es ist wichtig zu wissen, dass ohne eine gute Selbstwahrnehmung dieser Prozess nicht genug reifen kann. Ferner leuchtet es ein, dass der Prozess ohne offene, wahrhaftige Äußerung der Gefühlslage nur sehr schwer oder gar nicht gelingen kann. Die weitere, nicht weniger wichtige Bedingung ist die Bereitschaft, sich selbst für eine Weile auszuklammern, um sich dem Anderen zu schenken. Erst dann bin ich befähigt, zu handeln, zumindest Rücksicht zu nehmen. Birgit Lang: Belegen wir deine Worte mit Formulierungen, die Edith Stein in ihrer Dissertation über die Empathie hinterlassen hat. Bei der Erfurter Tagung hat darüber der tschechische Psychologe Jaroslav Sturma seinen Einführungsvortrag gehalten. Ich zitiere: "Indem ich mich einfühlend in den anderen versetze, gewinne ich ein neues Bild der räumlichen Welt ohne meinen Nullpunkt der Orientierung aufzugeben. Das fremde Weltbild, das ich in dem Anderen fühle, wird dann die Modifikation des eigenen. Ich brauche die anderen, um mich selbst konstituieren zu können, mein Selbst zu konstruieren und zu erleben." Jirina Prekop: Natürlich erscheint der beschriebene Prozess in graduellen Unterschieden. Diese Bandbreite geht von einfachem Hineinversetzen in die Lage des Anderen bis hin zur gegenseitigen Einfühlung unter feindifferenzierter geistiger Kombination. Birgit Lang: Merkwürdigerweise hast du jetzt die zwei verschiedenen Begriffe "hineinversetzen" und "einfühlen" benutzt. Kannst du den Unterschied erläutern? Jirina Prekop: Äußerst gerne. Denn das Hineinversetzen ist das Einfachste, was der Mensch im alltäglichen Umgang pflegen sollte, um den anderen zu berücksichtigen. Dem hohen Anspruch der Feinfühligkeit muss er dabei gar nicht gerecht werden. Ein Beispiel: Ein junger Mann besetzt den einzigen verbleibenden Platz in der U-Bahn. Er sieht aber, dass ein alter Mann mit Stock steht und mühselig versucht, die Balance zu halten. Er braucht sich keine tiefen Gedanken über die Gefühle des Greises zu machen, sondern muss sich einfach in seine gebrechliche Lage hineinversetzen und den Platz mit ihm wechseln. Warum ich so äußerst gerne von dem Hineinversetzen in die Lage des anderen rede? Weil ich es im Alltag immer mehr vermisse. So erlebe ich es mindestens zweimal während einer Autobahnfahrt, dass ich auf der linken Spur ein Auto, das rechts fährt, überholen will, das aber links zu blinken anfängt, so als möchte es gleich ausscheren, obwohl ich bereits zwei Meter hinter ihm bin. Also halte ich mich zurück, um ihm den Vorrang zu geben. Er aber bleibt auf der rechten Spur, blinkt dabei weiter, sodass ich nicht weiß, was ich machen soll. Bremsen, um mich hinter ihm rechts einzuordnen - oder das Überholen riskieren? Während ich mich aus Rücksicht auf ihn und auch auf mich zurückhalte, ziehe ich auch die Fahrer hinter mir in Mitleidenschaft. Letzten Endes riskiere ich es und überhole ihn. Mit schlechtem Gewissen allerdings und mit Wut auf den Fahrer von rechts. Sein Fehler war, dass er sich in meine Verkehrslage und die der anderen Fahrer hinter mir nicht hineinversetzte. Merkst du, dass es sich dabei um keinen Austausch der Gefühle handeln muss? Der Fahrer braucht nicht zu wissen, ob ich heiter oder traurig bin. Er soll lediglich denken, welches Handeln er mit seinem Blinken in der Verkehrssituation auslöst. Birgit Lang: Eigentlich müsste es sich hier um Rücksichtnahme handeln, die auch vom Einhalten der Regeln abhängig ist und nicht unbedingt nur von Emotionen. Merkwürdigerweise beachten z. B. Italiener die angeordneten Regeln nicht ganz so streng, dafür lassen sie weit mehr die Emotion und auch die Rücksicht im Verkehr walten. An einer italienischen Autobahn habe ich eine ähnliche Geschichte wie du auf der Deutschen noch nicht erlebt. - Immerhin haben wir deutlich gemacht, was das Hineinversetzen heißt. Im Unterschied dazu ist also die Einfühlung weit mehr durch Emotionen geprägt. Jirina Prekop: So ist es. Der eine geht mit seiner Emotion hinaus (das lateinische "emoveo" heißt "hinausbewegen") und der andere bewegt sich in seine Emotion hinein. Solche emotionale Ansteckung auf einer niedrigen Ebene erleben wir beim Anschauen eines Bildes oder eines Spielfilmes. Wir lachen und weinen mit dem Helden. Dieses Mitgefühl ist aber noch nicht von einem hohen Grad der Einfühlung bestimmt. Das reine Mitgefühl ist unverbindlich. Hier, vor dem Bildschirm, befindet sich mein Ich, das sich von der Filmfigur anrühren lässt. Hinter dem Bildschirm ist aber kein Du, das eine Antwort von mir erwartet. Ich kann mit dem Bildschirm auch mein Mitgefühl ausschalten. Im Unterschied dazu wird in der Einfühlung die Kraft der handelnden Liebe wachgerufen. Birgit Lang: Also geht es bei der Einfühlung grundsätzlich um einen Dialog zwischen "Ich und du", so wie es Martin Buber in seinem gleichnamigen Buch genialerweise beschrieben hat. Das Ich wächst nur an dem Du, so wie das Du nur an dem Ich wachsen kann. Fast bei jedem Vortrag betonst du, Jirina, Novalis' weise Worte, dass der Mensch nur am Menschen menschlich sein kann. Jirina Prekop: Ja, und für dieses Einfühlen bekam der Mensch nicht nur sein Denkvermögen, sondern auch sein Herz, seinen Leib, seine Sinneskanäle, d. h. das Spüren, das Schauen, das Hören, das Riechen, sein typisch menschliches Antlitz mitsamt seiner Mimik, seiner errötenden Haut, seinen weinenden, vor Zorn funkelnden oder freudestrahlenden Augen, seine Stimme ... . Die Einfühlung geschieht, indem das Ich mittels seiner Wahrnehmungskanäle feinfühlig in die Wahrnehmungsbereiche des Anderen eindringt, um die Antwort auf die unausgesprochene Frage, "Wie geht es dir? Was fühlst du?" zu bekommen. Ein Beispiel: Meine Schülerin möchte eine Rückmeldung über ihre Seminararbeit. "Die Arbeit ist schlecht. Verstehst du überhaupt, worum es sich hier handelt?", möchte ich ihr am liebsten knallhart sagen. Aber ich höre, wie ihr Redefluss immer wieder stockt, merke ihre leicht zitternden Hände, die mir Kaffee eingießen, in ihren warmen Augen spüre ich ihre Zuneigung zu mir und den Wunsch, mich nicht zu verlieren. Infolge dieser Wahrnehmung überwinde ich meinen Zorn und werde weicher. Die Wahrheit über die misslungene Arbeit teile ich ihr allerdings mit, jedoch freundlicher, als wenn ich mich nicht rechtzeitig eingefühlt hätte. Noch tiefer wäre dieses Erlebnis, wenn die Schülerin in großer Trauer und Verzweiflung wäre und ich sie in meinen Arm genommen hätte. Dann hätte ich noch viel mehr von ihrer Not gespürt, in dem ich auch ihre leibliche Anspannung, ihren unruhigen Atem, ihr Schluchzen und ihre Tränen wahrgenommen hätte. Und vielleicht hätte sie mir mitgeteilt, warum sie eigentlich in Stress gekommen war. Birgit Lang: An den beiden Beispielen wurde die graduelle Abstufung der Einfühlungsprozesse deutlich. Gilt es allgemein, dass der körperliche Kontakt die einfühlende Energie besser leitet? Jirina Prekop: Die Erfahrung machen wir insbesondere bei der Festhaltetherapie. Die objektive Rückmeldung haben wir uns vor allem von den Erwachsenen geholt. Sie haben die emotionale Konfrontation auf der Matte erfahren und sind mehr als die Kinder in der Lage sind, die Selbsterfahrung im Nachhinein zu reflektieren. Je fester der Mensch von einem einfühlsamen Mitmenschen gehalten wird, umso tiefer nimmt er seine eigenen Gefühle wahr und traut sich auch, diese zu äußern. Und nun kommt eine weitere graduelle Steigerung, wohl auch die höchste, weil auf dieser Ebene die bedingungslose Liebe erfahren wird. Wenn unter dieser festen Umarmung eine einfühlende emotionale Konfrontation zwischen zwei Menschen, die zueinander gehören (Mutter-Kind, Vater-Kind, Paar) geschieht, dann geht es um die Gegenseitigkeit. Hier bekommt die Äußerung der Gefühle den Sinn eben darin, dass der Andere, mit dem ich in Konflikt bin, sich in meine Gefühle einfühlt und sich dadurch bewegen lässt, und dass auch das Gegenüber seine Gefühle äußert, damit ich mich in ihn einfühlen kann. Der Sinn dieser Konfrontation dürfte keinesfalls Erziehung zu Gehorsam sein, sondern die Erneuerung der Bindung und die Erfahrung der vorbehaltlosen Liebe auf beiden Seiten. ("Jetzt weiß ich, wie wütend und traurig ich dich machte. Deine Liebe schätze ich umso mehr. Ich kann mich auf deine Liebe verlassen, auch wen ich meine üble Gewohnheit nicht so leicht ablegen kann. Du liebst mich so, wie ich bin. In solcher Liebe fühle ich mich geborgen.") Birgit Lang: Insofern geschieht unter dem Festhalten auch eine Erziehung und zwar die zur Wahrhaftigkeit, zur Einfühlsamkeit, zum Umgang mit Gefühlen, zur Konfliktbewältigung, und zur Liebesfähigkeit. - Ich kann mir denken, dass es der Festhaltetherapeut nicht leicht hat. Jirina Prekop: Zum Rüstzeug des Festhaltetherapeuten gehört, dass er sich in jeden einzelnen von den beiden, die auf der Matte in der festen Umarmung liegen, einfühlt, um ihm zur Äußerung der Gefühle zu verhelfen. Und ebenso einfühlsam spürt er die Auswirkung der geäußerten Gefühle bei dem Gegenüber, um ihm die Unterstützung bei der emotionalen Beantwortung zu geben. Je mehr sich ein Schmerz anstaute, umso schwerer fällt die Konfrontation. Denn der Zustand, der die beiden auf die therapeutische Matte führte, war ein qualvoller Zwiespalt zwischen Wut, Zorn und Trauer einerseits und der Sehnsucht nach der Liebe andererseits. Solange aber die zerstörerischen Gefühle mächtiger sind als die Liebe, neigt der Mensch so wie jedes Tier instinktiverweise zur Flucht vom anderen. Zuhause flüchtet der Mann ins Internet und die Frau vor den Fernseher. Manche verharren in dieser Distanz ganze Jahrzehnte. Durch die Flucht wird allerdings die Konfrontation und mit ihr die Einfühlung und die Erneuerung der Liebe behindert. Als das am höchsten entwickelte Geschöpf müsste der Mensch menschlicher handeln. Er besitzt ja nicht nur instinktive Neigungen, sondern hat auch sein Gewissen, seine emotionale Intelligenz. Er stellt sich der Liebe um der Liebe willen. Birgit Lang: Welche Vorraussetzungen bekam dafür der Mensch in seiner Evolution? Jirina Prekop: Der Mensch kommt als hilfloses Wesen, als physiologische Frühgeburt, auf die Welt. Er hat das Bedürfnis, den einfühlsamen Dialog, den seine Mama schon in ihrem Leib mit ihm, mit beantwortenden Berührungen, pflegte, noch die ersten Jahre an ihrem Herzen fortzusetzen. Gleich nach der Geburt ereignen sich tiefst ergreifende einfühlsame Blickkontakte und mimische Spiegelungen. Die Mama beantwortet instinktiv alle Lautäußerungen ihres Babys. Für eindrucksvolle Forschungen auf diesem Gebiet sind wir dem Ehepaar Papoušek dankbar. Um in den einfühlenden Dialog zu kommen, wurde der Mensch mit dem biologischen Typus des sekundären Nesthocker-Traglings ausgestattet. Während er im Tragtuch transportiert wird, kommt er zwangsläufig in den Genuss der emotionalen Konfrontation. Es sei gesagt, dass wir den Kindern von unserem heutigen Kulturkreis mehr Freiheit für die Entwicklung der Neugierde, der Autonomie und der Individualität geben müssen als dies bei den Naturvölkern geschieht. Unter dieser freiheitsfreundlichen Distanz darf aber der emotionale Dialog nicht leiden. Umso bewusster müssen wir dafür sorgen, dass das Kind alle seine angestauten aversiven Gefühle äußern kann und sich von den einfühlenden Eltern in seinem Zorn verstanden und mit seinem Trotz geliebt fühlt. Und in der Gegenseitigkeit hat auch das Kind zu erfahren, welche Gefühle es bei seinen Eltern auslöst, um sich in die Wirkung seines Handelns einzufühlen und auch zu lernen, aus Rücksicht und Liebe heraus zu handeln. Birgit Lang: Diesbezüglich haben wir in unserer technisch orientierten, auf Distanz und Anonymität ausgerichteten Gesellschaft einiges versäumt. Heute verbinden sich viele Menschen lieber mit technischen Geräten wie Auto, PC und Fernsehen, als dass sie mit Menschen verkehren. Überall wird der Mangel an Einfühlung und Liebe beklagt. Unter uns leben immer mehr Singles, die lieber nicht heiraten, weil sie der eigenen Liebesfähigkeit und der des eventuellen Partners nicht trauen. Es ist auch nicht zu übersehen, wie wenig sich heutige junge Eltern in ihr Kind einfühlen können. Sie streiten brutal in seiner Nähe, demütigen sich gegenseitig, ohne das Bedürfnis des Kindes, beide Eltern im Herzen zu wissen, zu berücksichtigen. Geht unser Weg endgültig bergab oder haben wir noch Hoffnung? Jirina Prekop: Es ist nicht zu verleugnen, dass in unserer heutigen Gesellschaft die Menschlichkeit eher zerstörerischen Einflüssen als den wachstumsfördernden ausgesetzt ist. Wir wissen aber auch, dass jede Krise zur Chance werden kann. Diese Hoffnung dürfen wir nicht aufgeben. Allerdings wird uns ein reines Philosophieren nicht helfen können. Durch die große Not sind wir gefordert, die Hoffnung an die Erneuerung der Liebe in die Tat umzusetzen. Das Festhalten als Lebensform und die Festhaltetherapie tragen dazu bei. Birgit Lang: Liebe Jirina, ich danke dir. Interview: Birgit Lang, Lindau zurück zur Übersicht "Wichtige Artikel" > |
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