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zurück zur Übersicht "Wichtige Artikel" > Den Feind lieben?Grenzenlose Liebe kann nur unter Grenzen gelingenBevor ich mich an die Antwort wage, erlaube ich mir einen magischen Blick in die Schöpfungsgeschichte zu werfen. Als vor etwa 15 Milliarden Jahren im Universum nur Chaos herrschte, entzündete die höchste Schöpfungskraft, die wir gerne Gott nennen, eine geniale Idee. Er nahm sich vor, den Menschen als sein Ebenbild zu erschaffen. Was kann Er darunter gemeint haben? Wie könnte der Mensch dem Gott eben sein? Ganz gewiss kann ihm die Ähnlichkeit mit Gott in Bezug auf das Allwissen und auf die Allmacht nie gelingen. Er kann ihm ausschließlich in Bezug auf die Liebe ähnlich sein. Dazu führt ein einziger Weg. Nur der Weg, an dem der Wanderer mit seiner grenzenlosen Liebe das göttliche Prinzip der grenzenlosen Liebe erreicht, bringt ihn mit Gott in Einklang. Und damit dem Menschen solche Liebe trotz aller Grenzen gelingen kann, führte Gott dafür die Grenzen ein. Mit dem Urknall wurden dafür die Weichen gestellt, indem sämtliche Energien in das Gesetz der Gegensätze, sprich in die Polarität eingeordnet wurden. So wurden leuchtende Galaxien von schwarzen Löcher abgegrenzt. Die Zeit nahm begrenzt durch Tag und Nacht ihren Lauf. Durch das Innen und das Außen, das Links und das Rechts, das Oben und das Unten entstanden die räumlichen Grenzen. Auf einem wunderschönen Planeten wendeten sich die Pflanzen, Tiere und Vögel entgegen der Gravitationskraft der Erde von unten dem Licht zu. Damit wurde das Gesetz des Wachsens eingeführt, welches später auch für den Menschen als Krönung der Schöpfung gelten sollte: "Solange das Kind klein ist, gib ihm die Wurzeln. Wenn es erwachsen ist, gib ihm Flügel." So ging die Schöpfungsgeschichte Tag für Tag, Epoche für Epoche voran. Am vorletzten Tag wurden dann die zwei Urmenschen erschaffen, Adam und Eva. Zwei gegensätzliche Wesen, Mann und Frau. Doch die Energie zwischen den beiden war noch nicht voll im Fluss. Sie fruchtete noch nicht im Nachwuchs, weil die beiden Urmenschen mit ihrer Lebenskraft noch nicht vollständig in der Polarität verankert waren. Sie lebten im Paradies. Da gab es noch keine Krise, keinen Hunger und keinen Groll. Sie waren stets satt, unschuldig, im steten Frieden und Genuss. Sie hätten so auch bleiben können. In diesem Sinne sprach auch Gott zu Adam: "In diesem Paradies kannst du mit deiner Freundin Eva, die ich dir zur Freude schuf, unendlich lange bleiben und von allen Bäumen essen. Ein einziger Baum aber ist verboten. Dieser Baum steht hier als Gegensatz zu den genehmigten Bäumen. An diesem verbotenen Baum hängt das Obst der Erkenntniss über das Gute und das Böse." Die Warnung vor den Folgen war eindeutig: Falls du nach diesem verbotenen Obst greifst, bist du dann im Spannungsfeld der Polarität und müsstest dich in Mühsal und im Schweiße deines Angesichtes stets um die Erneuerung dessen bemühen, was du gefährdet hast. Das kostbarste Gut für dich ist die Liebe. Sobald du anderen Werten Vorrang gibst, ist die Liebe als einzige Verbindung mit mir gefährdet. Deshalb solltest du dir nicht einbilden, dass du genauso mächtig bist wie Gott. Unterliege nicht der Illusion, dass du aufgrund deiner stolzen Erkenntnisse das All erobern kannst und keinen Gott mehr brauchst! Wenn du dir einbildest, mächtiger als Gott zu sein, wirst du immer mehr das Materielle zu deinem Ego machen und dieses genießen wollen, sodass deine Liebe verwelkt. Die Horrorvision Gottes bei dieser Warnung war die mit Fernsehkabeln und Internetnetzen umsponnene Erde, auf der der wohlständige Einzelne sich in seinem privaten Appartement an sein perfekt funktionierendes Gerät lieber als an die Menschen bindet, abgeschirmt von der wahren Liebe, und vor sich hin in Depressionen siecht und seinen Mangel mit Drogen zu betäuben versucht. In diesem Horrorbild waren auch die Millionen hyperaktiver Kinder beinhaltet, denen in ihrer technisch wohlständigen Welt das Ritalin verordnet wird, anstatt dass sich die Verantwortlichen darüber Gedanken machen, was das Kind in der Bindung mit seiner Mutter und mit seinem Vater wirklich braucht, um in sich selbst zu ruhen. Mit dem Verlust der Liebe ist die Menschlichkeit gefährdet und somit der ganze Sinn des göttlichen Schöpfungsplanes. Adam, davor warne ich dich, sagte Gott. Es ist anzunehmen, dass Adam mit seinem typisch männlichen, linearen und exakten Denken, das in der Regel keine Gebrauchsanweisung in Zweifel stellt, die Warnung Gottes vor dem verbotenen Obst ernst genommen hätte. Verbot ist Verbot, hätte er gedacht und das Verbot eingehalten. In seine unmittelbare Nähe wurde jedoch Eva mit ihrer typisch weiblichen Verführungskunst gestellt. Und so geschah, was geschehen musste, damit sich die Liebe trotz aller Grenzen zu ihrer Grenzenlosigkeit entfaltet und somit den Plan Gottes erfüllt. An dieser Stelle sei betont, dass das Schöpfungsprogramm für die höchste Form der Liebe in die herausfordernde Bindung zwischen Mann und Frau gesetzt wurde und nicht in die Bindung zwischen Mutter und Kind. Nachdem Eva ihrem Mann Adam den Kopf verdreht, ihn um den Finger gewickelt und er nach dem verbotenen Obst gegriffen hatte, wurden die beiden aus dem Paradies ausgewiesen. Erst dadurch konnte die Liebe in die Formel der Polarität fest eingebunden werden. So wie die Menschen von hier an den Hunger erleiden mussten, um das trockene Brot zu schätzen, und sich Ängsten stellen mussten, um sich der eigenen mutigen Lebenskraft bewusst zu sein, so musste von hier an auch die Liebe immer wieder in Hass als ihren Gegensatz geraten, um erneuert zu werden. Der Mensch muss an die Grenzen seiner Belastbarkeit und die des ihn liebenden Menschen stoßen, es muss ihm die Verletzung der Liebe sehr weh tun, um sich für ihre Heilung einsetzen zu wollen. Grenzenlose Liebe gelingt nur unter Grenzen. So gesehen spricht alles dafür, dass die Versuchung im Paradies sowie die Ausweisung auf den steinigen Weg von Gott gewollt war. Darunter war nicht nur die Strafe, sondern zugleich auch die Chance zur Erfüllung seines Planes gedacht. Falls der Mensch diesen stolprigen Pfad begeht, kann dieser für ihn zum Königsweg werden. Warum sich Gott die Formel der Polarität ausdachte, "begreift der Mensch nie", sagte der Mystiker Nikolaus Cusanus. "Der Mensch muss lediglich tagtäglich den Zusammenfluss der beiden Gegensätze üben." Auch stand Gott zu seiner Urheberkraft der Versuchung, als er seinen Sohn im Vaterunser zu sich selbst beten ließ: "Führe uns nicht in Versuchung". Dem gleichen Sohn hat er den Weg des Kreuzes zugemutet, um die Auferstehung der Hoffnung und der bedingungslosen Liebe zu feiern. Den eigentlichen Sinn hat er aber nicht in die Qual des Opferns gesetzt, sondern in die Erneuerung der Hoffnung und der Liebe. "Gehet durch das schmale Tor hinein, denn weit und breit ist der Weg, der ins Verderben führt", so steht es im Matthäus-Evangelium. Über das Mysterium des Leidens und der Liebe kann man sich nicht hinwegsetzen, wenn man in Wahrheit leben möchte. Es wird zur Realität sowohl beim Einhalten als Gnade der wahrhaftigen Liebe als auch beim Nicht-Einhalten als Täuschung. Sagt jemand, dass er in seiner Ehe nie einen Krach gehabt hat, dass die beiden ganze Jahrzehnte wie zwei Täubchen gegurrt haben, dann ist schon ein großer Wurm im Apfel. Jeder von beiden verleugnet seine Probleme, so dass sie alle beide eigentlich in Lüge leben und in einer parasitären Verschmelzung die eigene Persönlichkeit an den anderen verlieren. Zum Wesen der grenzenlosen, vorbehaltlosen Liebe gehört demzufolge, dass die Grenzen nicht verwischt werden, die Vorbehalte nicht unter den Teppich gekehrt und der erlittene Schmerz nicht verdrängt wird. Des Leidens muss man sich bewusst sein, um trotzdem zu lieben und die Liebe über den Groll siegen zu lassen. Solche Liebe erwarten wir auch von Gott. Im Grunde wollen wir keinen anderen Gott als den barmherzigen, der uns trotz all unserer Sünden liebt. Siehe die Galerie der bekannten Bilder von Ihm: Der gute Hirte, der das schwarze Schaf weit mehr liebt, als die vielen weißen Schäfchen, die in einem Schritt und Tritt auf der satten Wiese folgsam weiden. Der Vater, der nicht den anständigen sondern eben den verlorenen Sohn innig herzt. Christus, der nach seiner Auferstehung zunächst der ehemaligen Sünderin Maria Magdalena erschienen ist und nicht den frommen Frauen, die nie gesündigt haben. Zwar stehen heute Theologen im Streit um die zwei Marien, von denen eben die gute es sein sollte, die von Christus ausgezeichnet wurde. Im Vertrauen an das Mysterium glaube ich lieber die ursprüngliche Version. Dadurch wurde ja das Zeichen der höchsten Barmherzigkeit gesetzt. Im Laufe der Evolution wurde die Liebe immer feiner in das Gesetz der Polarität eingeflochten. Aus der Notwendigkeit der materiellen Not entfaltete sich die Liebe zwischen dem Geben und dem Nehmen, und unter Machtkämpfen übte sie ihre Kraft zwischen Anpassung und Durchsetzung. Im Zeitalter, in dem die Entwicklung der Menschlichkeit vom Gruppenleben auf die Förderung zum individuellen, eigenverantwortlichen Menschen ausgerichtet wurde, machte das Neue Testament die feinste polare Spannkraft bewusst: Der Mensch soll sich selbst genauso wie den Nächsten lieben. Auf dieser höheren Entwicklungsstufe wurde dieses Gesetz unabhängig von der materiell wahrnehmbaren Not. Diese höchste Form der Liebe soll im feinstofflichen Bereich der Seele wirken und ihre Wirkungsweise soll trotz aller Verletzungen dieser Liebe gelten. Sie soll trotz aller eigenen unerfüllten Wunschvorstellungen, Vorbehalte und Grenzüberschreitungen gelebt werden. Schauen wir uns die beiden Seiten dieser Liebe, das heißt unter Vorbehalt und ohne Vorbehalt, zunächst in Bezug auf die Liebe zu sich selbst an. Sollte ich mich nur unter der Bedingung lieben, dass ich mein normales, womöglich ideales Gewicht habe, dass ich immer jung und flott wirke und wenn ich von niemandem kritisiert bin, müsste ich stets prüfen, ob meine Wunschvorstellungen der Realität entsprechen. Und wenn ich meinen Kampf gegen die vier Pfunde Weihnachtsspeck verliere, die Zunahme von Falten nicht aufhalten kann und erfahre, dass ich dem und jenem Mensch nicht gefalle, müsste meine Selbstliebe zusammenbrechen. Die Folge wäre ein Sturz in die Depression, die Abkapselung von Menschen und die Selbstbetäubung mit Drogen, dem Surfen im Internet und dergleichen. Die Abhängigkeit von diesen Mitteln, die mir die wahre Liebe ersetzen sollen, würde mich unfrei machen. Die Selbstliebe und demzufolge die eigene Freiheit, gelingt mir nur dann, wenn ich mich so wie ich bin akzeptiere, mit allem Drum und Dran. Genauso verhält es sich auch in der Liebe zum Nächsten. Gemeint sind vor allem die wirklichen allernächsten Menschen, die miteinander schicksalhaft verbunden sind: Mann und Frau als Paar, Eltern und Kinder, Geschwister. Diese Bindungen sind innig, tief, intim, von prägender Bedeutung. Hier inkarnierte sich die Seele, hier findet ihre Schulung in der Liebe statt. Erst von hier aus kann die Liebe in die Beziehungen zu anderen weit entfernteren Menschen übertragen werden. Der umgekehrte Weg ist ein verkehrter Weg. Häufig unterliegt der Mensch einem Irrtum, wenn er von seiner Liebesfähigkeit nur deshalb überzeugt ist, weil er sich für den Frieden und die Liebe zwischen den Völkern, den politischen Parteien, den Reichen und Armen dieser Welt einsetzt und dabei in der eigenen Familie unversöhnliche Kriege führt. Welch eine Heuchelei! Die Liebe muss beim Kleinsten beginnen, im Kleinsten geboren werden, wie auch alles, was geboren ist, zunächst klein ist und erst dann groß und breit wächst. Zunächst also beginnt das Wunder der Liebe zwischen zwei Menschen, zwischen Mann und Frau und dann kommt der dritte, das Kind dazu. Die Familie ist die bedeutsamste Werkstatt der Liebe. Durch Hellingers systemische Denkweise wird uns ins Bewusstsein gebracht, was seit jeher als archetypische Wahrheit galt und gilt. Zwei gegensätzliche Menschen ziehen sich mit ihrer Andersartigkeit an, sie ergänzen sich in Liebe und wegen dergleichen Andersartigkeit stoßen sie sich immer wieder ab. So liebt die Frau zum Beispiel die Eindeutigkeit des linearen Denkens bei ihrem Mann, ärgert sich aber, wenn der Mann meint, dass nur sein Fahrstil richtig ist und den ihren kritisiert. Der Mann ist verliebt in die variationsfreudige, kapriziöse, oftmals unberechenbare Art seiner Frau, hasst aber die gleichen Eigenschaften von ihr beim Einkauf. Das Paar genießt gemeinsame gute Zeiten und gerät auch in schlechte Zeiten, in denen man zur Flucht voreinander neigt. Je nachdem, ob die Eltern bei Streit die Trennung oder lieber Konfliktverarbeitung und Versöhnung wählen, geben sie den Kindern das Vorbild, wie man mit den Krisen und mit der Erneuerung der Liebe umgeht. Selbst wenn die Eltern dabei Fehler machen, ist es kein Grund zur Missachtung. Ja ganz im Gegenteil: Eben hier ergibt sich die Chance, trotz aller Vorbehalte lieben zu lernen. Mit dem Lebensgeschenk, sowohl vom Vater als auch von der Mutter, strömt die Polarität mit allem Drum und Dran von beiden Seiten auf das Kind zu. Das Kind hat sowohl von dem Vater als auch von der Mutter die Erbanlagen, die nicht nur die tollen Eigenschaften, sondern auch die gefährlichen Dispositionen beinhalten. Von der und auch von jener Seite wird das Kind eingeflochten in die Geschichte der Sippe. Beiderseits gehört es sowohl zu den hochgeschätzten Ahnen als auch zu den verschwiegenen schwarzen Schafen und vergessenen Frühgeborenen, die nicht einmal einen Namen und ein Grab bekommen haben. Vom Vater bekommt das Kind das, was er ihm als Erzieher geben konnte und auch seine Versäumnisse. Auch von der Mutter bekommt das Kind nicht nur das Gute in ihrer Erziehung, sondern auch ihre Fehler. Und wenn das Kind beide Eltern mit allem Guten und allem Schlechten in seiner Seele vereinigt und mit seinem eigenen Auftrag bereichert, kann es sich einmal von den beiden loslösen und auf seinen eigenen Wegen auch Fehler machen, ohne dass es aufhört, sich selbst zu lieben. So ist dieses psychohygienische Gesetz im vierten Gebot ausgedrückt. Das Wissen darüber haben aber auch die meisten atheistischen Psychotherapeuten. Aus Erfahrung wissen sie, dass die meisten seelischen Probleme durch die Verletzungen im Elternhaus bedingt sind. Die Familie ist der wichtigste Ort, wo der Mensch den Feind lieben soll. Unter dem Feind ist nämlich nicht der weltweit verrufene Feind wie Hitler oder Milosevic gemeint. Die sind ja zu weit weg, um den entfernten kleinen Menschen direkt an seiner Haut zu jucken. Vielmehr ist unter dem Feind mein allernächster Mensch gemeint, der das Kostbarste, was ich habe, nämlich die Liebe, mit seinem unverschämt lieblosen Verhalten zertrampelt. Eine solche Feindschaft offenbart sich in Zuständen, unter denen die sonst liebevolle Mutter das eigene Kind an die Wand klatschen möchte und wo der immer noch verliebte Ehemann seine Frau am liebsten zum Teufel scheren würde. Warum habe ich dich bloß gewollt! Warum habe ich dich geheiratet, verflixt nochmal! Unter diesen Umständen, wo sich die Liebe in die Hassliebe wendet und augenblicklich der Hass mehr als die Liebe zählt, wirkt eine instinktgebundene Fluchtbereitschaft. Dieser Instinkt ist uns mit allen Tieren, Fischen und Vögeln gemeinsam, wie es der Nobelpreisträger Niko Tinbergen in seinem Werk nachweist. Lokalisiert sind die instinktiven Tendenzen zur Flucht und zum Angriff in dem niedersten Teil des Gehirns, im limbischen System. Zum Unterschied von den Tieren hat der Mensch aber auch noch das Großhirn und die Hirnrinde. Er hat nicht nur Instinkte, sondern auch sein Gewissen und seine Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Liebe. Sein Rüstzeug ist diese emotionale Intelligenz. Demzufolge müsste sich der Mensch die primitive Neigung zur Flucht verbieten und sich für die Erneuerung der Liebe einsetzen. Wie hat dafür die Schöpfungsweisheit gesorgt? Sie hat die höchsten Säugetiere, die Affen, und dann die Menschen mit der biologischen Gattung des sekundären Nesthockers ausgestattet. Das Junge von dieser Gattung hockt in den ersten prägenden Jahren nicht im statischen Nest, sondern im Nest hockend wird es getragen. Das Affenkind hält sich an der behaarten Mutter fest und wird von ihr gehalten. Das Menschenkind wird im Arm, bzw. im Tragetuch transportiert. Bei der Gelegenheit erfährt es fortlaufend, dass es ertragen wird, auch wenn es der Mutter wehtut, und auch dass es selber die Mutter ertragen kann, obwohl sie ihm nicht alle Wünsche erfüllt. Keine Mutter verpasst dem zornigen Kind eine Tracht Prügel und keine schickt es in den Dschungel, wenn das Kind auf sie wütend ist. Der Arm ist der Ort am Herzen der Mutter, wo der kleine Mensch in intimer Zweisamkeit die vorbehaltlose Liebe erfährt. Es macht die sichere Erfahrung, dass es sich auf das Fortbestehen der Liebe unter allen Bedingungen verlassen kann. Auf diese Weise und nur auf diese Weise entsteht die Geborgenheit, wenn der Mensch sicher weiß: Auf diese Liebe kann ich mich einlassen, hier habe ich grenzenloses Vertrauen, hier bin ich geliebt so wie ich bin, mit allen meinen Schwächen und Fehlern, hier kann ich mich auf die Liebe nicht nur in guten Zeiten, sondern auch in schlechten Zeiten verlassen, hier bin ich zuhause. Merkst du, dass es die gleiche Liebe ist, die wir uns von Gott erhoffen? Durch die Bedürfnisse des Kleinkindes erreicht uns die Botschaft Gottes. Das Kind ist der Träger der höchsten Wahrheit. Der Wegweiser. Hinzu ein weiser Satz von Dostojewski, der auf diesem Bild dem ekelerregenden, widerlichen, im Arme der Mutter gehaltenen Kind auf die Zunge gelegt wurde: "Du aber liebe mich, auch wenn ich schmutzig bin. Denn wenn ich weißgewaschen wäre, liebten mich ja alle." Mit anderen Worten: ich muss um deine Liebe, Mama, und deine Liebe, Papa, wissen, nicht nur dann wenn es mir gut geht, wenn ich gute Noten habe und von allen Leuten als der Gute hochgejubelt bin. Oh nein! Ich muss vielmehr deine Liebe spüren können, wenn es mir dreckig geht, wenn ich unverzeihliche Fehler gemacht habe, wenn ich mir total liebesunwürdig vorkomme, wenn ich mich selbst nicht lieben kann. Eben dann muss ich in deinem Arme spüren, dass du mich trotz aller meiner Sünden immer noch liebst. Wie ist diese Liebe praktisch zu leben ? Stelle dich zunächst darauf ein, dass Konflikte immer zum Leben der Liebe gehören und dass zum Austragen eines Konfliktes immer die Konfrontation zwischen dem Ich und dem Du gehört. Damit der andere sich in dich einfühlen kann und du in ihn, muss der Schmerz von beiden Seiten wahrhaftig offenbart werden. Geeignet dazu sind nicht die Anschuldigungen und Beschimpfungen in der 2. Person ("Du bist ein freches Kind." "Du bist ein rücksichtsloser Macho"), sondern der Gefühlsausdruck in der 1.Person. ("Das tut mir weh." "Ich bin wütend auf Dich.") Leichte Konflikte sind allerdings auch leicht zu lösen. Oft reicht dazu ein tröstendes Streicheln und eine Entschuldigung. Wenn aber ein großer Schmerz wirkt, der die Menschen zur Flucht voreinander treibt, wirken diese leichten Mittel nicht. Im Gegenteil spürt der Getröstete, dass sein Problem verharmlost wird, fühlt er sich unverstanden und neigt noch vehementer dazu, das Gegenüber abzustoßen. Als Beispiel nehmen wir eine Frau, die ihrem Mann mitteilt, wie verärgert sie sei, weil er sich während des Ausflugs mehr mit anderen Frauen als mit ihr unterhalten habe. Sollte er diesen Vorwurf mit einer kurzen Streicheleinheit an die Wange beantworten, wird die Verletzung der Frau noch tiefer. Bei einem schweren Konflikt ist es wirksamer, sich trotz aller Neigung zur Flucht in den Arm zu nehmen, um unter dem Festhalten auch die Entschlossenheit bewusst wahrzunehmen, nicht früher voneinander wegzugehen, bevor die Liebe nicht erneuert wird. Darüber hinaus hat jeder von den beiden die Chance, seinen Schmerz auszudrücken, als auch den des Gegenübers zu spüren und sich solange emotional damit zu konfrontieren, bis sie sich gegenseitig ineinander hineingefühlt haben und sich verstehen, so dass ihre Liebe wieder fließen kann. Dazu führe ich einige Beispiele in der Reihenfolge der Altersstufen an: Was sollte die Mutter tun, wenn ihr zweijähriges Kind sie gebissen oder geschlagen hat? Zunächst zähle ich die ungeeigneten Reaktionsmöglichkeiten auf: Auf keinen Fall soll die Mutter zurückbeißen oder zurückschlagen. Damit nämlich bestätigt sie dem Kind, dass diese Form der Aggression richtig ist. Ja sogar gibt sie ihm dafür ein Vorbild. Hier ist eben angesagt, nicht mehr nach dem alttestamentarischen Motto "Auge um Auge, Zahn um Zahn" zu handeln, sondern vielmehr die Liebe zu diesem "Feind" zu erneuern. Deswegen ist es auch nicht gut, das Kind mit einer Auszeit zu strafen. Von dieser Strafe müsste es ja ableiten, dass es keinesfalls vorbehaltlos geliebt ist, sondern nur dann, wenn es seine Wut nicht äußert, sondern zurückhält, lieber in sich hineinfrisst. Hierbei hat die Mutter an die Zukunft des Kindes zu denken etwa auf diese Art und Weise: Einmal wird meine Tochter auch heiraten, von ihr bekomme ich auch meinen Schwiegersohn und meine Enkelkinder, und mein Wunsch ist ja, dass diese Enkelkinder sich auf den Zusammenhalt ihrer Eltern verlassen können und in einer geborgenen Familie aufwachsen. Dann muss ich doch jetzt schon dafür sorgen, dass meine Tochter lernt, wie man mit Konflikten umgeht. Jetzt schon, in diesem sensiblen Alter soll sie sich einprägen, dass man bei Konflikten nicht weggeht, sondern dass man sich dem frischen Konflikt stellt, um ihn so schnell wie möglich in die Liebe umzuwandeln. Dieser erzieherischen Absicht zufolge werde ich meiner Tochter beibringen, wie ein solcher Konflikt, der sprachlich zwar schwer zu bearbeiten, aber dennoch zu bewältigen ist. Zunächst versuche ich es sprachlich und lasse mein eindeutiges Wort "Nein!" wirken. Zusätzlich dazu, damit das Kind die Chance bekommt, sich in mich hineinzufühlen, um aus Liebe und aus Rücksicht heraus das Steuern seines Verhaltens zu lernen, drücke ich eindeutig auch meine Gefühle aus. Dies tue ich in der Ich-Form, z.B. "das tut mir weh", "das macht mich wütend". Wenn sich mein Kind dadurch beeinflussen lässt, brauche ich das Kind überhaupt nicht mit meiner Hand zu berühren. Hört es aber auf meine sprachliche Aufforderung nicht, lohnt es sich keinesfalls nochmals und nochmals die Aufforderung zu wiederholen. Diese Wiederholungen sind einer Geräuschkulisse, einem unverbindlichen Lärm gleich, der das Kind wie auch die Mutter nervös macht. Zuerst einmal muss jetzt die Mutter dem Kind seine Grenzüberschreitung wahrnehmbar machen. Sie hat davon auszugehen, dass das Kleinkind im Feuer seines übermächtigen affektiven Ausbruchs über seine Körperwahrnehmung noch nicht verfügen kann und dass es ganzheitlich leiblich reagiert, indem es wahllos beißt, schlägt und tritt. Hierbei braucht das Kind die Hilfe, unter der es erfährt, dass eben dieser Körperteil die Wut nicht äußern darf. Also nimmt die Mutter das Gesicht des Kindes in ihre Hände, besonders fest berührt sie es im Mundbereich und konfrontiert sich mit ihm wie bereits beschrieben. Falls aber diese Steuerungshilfe vom Kind nicht wahrgenommen wird, muss sie noch wahrnehmbarer gestaltet werden und zwar in der Form, die allen Kindern im Tragtuch zu Gute kommt: Das Kind wird fest in den Arm, genommen, so dass es nicht schlagen und treten kann, sein Mund wird von der Mutter wie beschrieben berührt und die Mutter konfrontiert das Kind noch eindrücklicher mit ihren verletzten Gefühlen: "Das macht mich wütend, das tut mir weh, das machst du mit mir nicht! Ich bin deine Mama und du bist mein Kind. Ich beiße dich nicht und du beißt mich auch nicht." Allerdings muss auch das Kind ausreichend Gelegenheit bekommen, seine Wut auf die Mutter auszudrücken. Die Form dafür gibt aber nicht das noch unreife Kind, sondern die Mutter an. Erlaubt sind aber nur die menschenwürdigen Mittel: davon besonders die Stimme, zunächst mit Schreien und Weinen, und auch mit Worten, die das verletzte Gefühl ausdrücken. Die Umarmung wird nicht früher aufgelockert, bevor das Kind nicht spürt, dass es geliebt ist, obwohl es gebissen und geschrien hat. Ein anderes Bild der vorbehaltlosen Liebe, die die Mutter unter fester Umarmung vermitteln kann, bietet sich bei ihrem erstgeborenen Kind an. Häufig, ja beinahe typischerweise plagen sich die Erstgeborenen mit dem Schmerz des Verlustes ihrer Einzelkindposition und bilden sich die tröstende Ersatzsicherheit ein, die Großen zu sein. Demzufolge entwickeln sie ihren eigenen Leistungsdruck. Der eigene Erfolg wird dann zur Bedingung, unter der sich das Kind selbst lieben und geliebt fühlen kann. Dieser Vorbehalt in der Liebe wirkt wie eine Droge, die zu Erfolgssucht, Perfektionismus, Eifersucht und Versagensängsten führt. Eine rein sprachliche Liebeserklärung, so etwa wie "wir lieben dich doch genauso wie das jüngere Kind auch", reicht dem an der Liebe zweifelnden Erstgeborenen meist nicht. Vielmehr muss es in den Arm genommen werden, um am Herzen der Mutter oder des Vaters von seinem Leistungsdruck entlastet zu werden, hier seinen Schmerz abladen zu können und wieder einmal zu spüren, dass es den einmaligen Platz des Ersten keinesfalls verloren hat. "Wir haben dir so wehgetan, als wir dir den kleinen Bruder zugemutet haben. Weine den Schmerz in meinem Arm aus. Du brauchst dir nicht einzubilden, immer der Große sein zu müssen, um von uns geliebt zu sein und so die Liebe verdienen zu müssen. Wir lieben dich, auch wenn du mehrfach behindert wärest. Die erste Stelle in der Geschwisterreihe behältst du unter allen Bedingungen. Wir lieben dich trotz aller Vorbehalte. Dich lieben wir am längsten von allen deinen Geschwistern". Eine solche Erklärung der bedingungslosen Liebe braucht ebenfalls der Jugendliche, wenn sein Selbstbild unter seiner Pubertätskrise wackelt. Er möchte so gerne wissen, dass er unaufhörlich geliebt ist, obwohl er sich traut eigene Wege zu gehen und dabei oft auf den krummen Weg gerät, und obwohl er mit seinen Tätowierungen gegen den Geschmack der Eltern total verstoßen hat. (Allerdings sollten die Eltern dabei auf eine Umarmung lieber verzichten, weil bekannterweise der Pubertierende auf Berührungen durch die Eltern allergisch reagiert.) Der Satz "so mag ich dich nicht" würde gegen das Prinzip der vorbehaltlosen Liebe verstoßen. Dadurch wird nämlich dem Jugendlichen signalisiert, dass er sich auf die Liebe der Eltern nicht immer verlassen kann. Das Vertrauen an die vorbehaltlose Liebe muss er jedoch haben, damit er sich zutrauen kann, sich mit allen seinen Problemen an die Eltern wenden zu können und in Not nicht im Stich gelassen zu sein. Wer aber sonst soll den Kindern die vorbehaltlose Liebe vorleben, wenn nicht die Eltern untereinander? Deswegen sollten die Eltern den Kindern zeigen, wie sie einen Konflikt bis hin zur Versöhnung austragen. Den Kindern entgeht selbstverständlich der Ehekrach nicht, davon haben sie Vorbilder mehr als genug. Sie erleben aber selten das Vorbild der Versöhnung. Meist entfernen sich die Eltern inmitten des Streitens voneinander und strafen sich gegenseitig mit Liebesentzug. Zu den größten Opfern werden dabei die Kinder. Oftmals fühlen sie sich selber schuldig am Streit der Eltern und verpflichtet zu schlichten und zu trösten, dem einem gegen den anderen die Seite zu halten. Unter diesem Rosenkrieg kann sich das Kind nicht als Kind fühlen. Es hat aber auf sein Kindsein ein Recht, sowie die Eltern die Pflicht haben, Eltern zu sein. Deshalb ist es ratsam, dass die Eltern den ausgebrochenen Krach, falls er für Kinderohren geeignet ist, in Gegenwart der Kinder aus-tragen und sich aussöhnen. "Noch bevor die Sonne untergeht, sollte der Streit beendet sein", heißt die uralte Empfehlung. Ebenfalls hier empfiehlt sich, dass sich die Eltern während ihrer Konfrontation gegenseitig halten. Das Halten mindestens an einem Tisch, an den Händen, an den Ellbögen, am intensivsten im Arme bietet dem Kind einen wahrnehmbaren Hinweis, dass die Eltern nicht früher voneinander weggehen, bevor sie sich nicht versöhnt haben. Den Kindern zuliebe sollten also die Eltern auf ihre Neigung zur Flucht voreinander verzichten und solche wichtigen Sätze untereinander erklingen lassen wie etwa diese: "Es hat mich tief verletzt, als du mich in Gegenwart deiner Mutter getadelt hast, dass ich meine Sachen im Wohnzimmer durcheinander liegen lasse. Ich bin rasend wütend auf dich. Aber ich will dich trotzdem lieben. So habe ich dich geheiratet, mit dieser widerlichen Anlage und mit dieser Schwiegermutter. Bei unserer Trauung habe ich versprochen, dich nicht nur in guten, sondern auch in schlechten Zeiten zu lieben. Jetzt gerade ist die schlechte Zeit für mich ausgebrochen. Und ich will es mit dir aushalten, weil ich dich trotz all deiner widerlichen Eigenschaften lieben möchte. Du kannst so bleiben wie du bist. Lass' mich aber, bitte, auch so wie ich bin und wie ich mich auf meine eigene Weise verändere, und liebe mich trotz all meiner Marotten, auch wenn dich dies und jenes an mir stört." Im Hinblick auf den rapiden Zerfall der heutigen Familie und der zunehmenden Unruhe der Kinder erscheint nichts wichtiger, als die Erziehung der Kinder zur Konflikt- und Liebesfähigkeit. In diesem Sinne wirkende Eltern sind für das weitere Schicksal der Menschen auf diesem Planeten weit bedeutsamer als die Genforscher und Nuklearphysiker. Den Familien zur Liebe zu verhelfen, ist unsere existenzielle Herausforderung. Hierbei sind sowohl die Theologen als auch die Psychotherapeuten gefragt. Basler Psychotherapietage 2001 - www.perspectiva.ch» zurück zur Übersicht "Wichtige Artikel" > |
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