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Das Grusswort von Jirina Prekop

Liebe Freunde!

Wir treffen uns an der Schwelle einer Wendezeit. Die Weichen für das Schicksal der Menschlichkeit auf dieser Erde sind bereits gestellt. Lässt sich der Mensch von dem technischen Fortschritt und von seinem narzisstischem Anspruch auf Machbarkeit verblenden und versklaven, so dass die Liebe den Kürzeren zieht, so verliert er seine eigene Substanz. Denn menschlich kann der Mensch weder an Computern noch an Bankkonten, sondern nur an Menschen werden. Nur dieses klare Bewusstsein für die Werte kann zur Brücke in die neue Epoche werden. Die potenziellen Brückenbauer sind die heutigen Kinder der hochzivilisierten Gesellschaft. Es kann also keinen wichtigeren Wunsch geben, als dass unsere Kinder wachsen und gedeihen. Zu welchem Menschenbild sollen wir den Kindern verhelfen? Natürlich brauchen sie vor allem eine bedingungslose Bereitschaft zur wirkungsvollen Liebe, die sich eben in Krisen bewährt. Weil sie in eine noch kompliziertere Zeit hineinwachsen, müssen sie mit einer guten Aufmerksamkeit, einer hohen Frustrationstoleranz und einem großen Durchhaltevermögen ausgerüstet sein.

Aber oh weh! Eben zu diesem kritischen Zeitpunkt fallen die Kinder mit dem Gegensatz von dem erwünschten Menschenbild auf. Die häufigste Diagnose ist die Aufmerksamkeitsdefizitstörung mit oder ohne Hyperaktivität (ADS oder ADHS). Sie kommunizieren mehr mit dem Gameboy als mit Freunden. Ihr zuverlässigstes Beruhigungsmittel ist nicht eine sinnvolle Aktivität, sondern der passive Fernsehkonsum. Die Kinder werden immer dicker, bleiben körperlich untüchtig, sind ohne Spannkraft oder aber hemmungslos aggressiv. Ohnehin nimmt die kindliche Aggressivität zu. In den Schulklassen waltet nicht die Solidarität sondern Mobbing und Angst. Die Fachleute rätseln über die Ursachen. Die Spannbreite der Arbeitshypothesen reicht von angeborenen cerebralen Dysfunktionen bis hin zu Mängeln des staatlichen Schulwesens. Die PISA-Studie wird von oben nach unten und von rechts nach links analysiert.

Darüber hinaus gibt es aber auch die systemisch Denkenden. Sie schauen, ob das Kind in dem System, in das es eingeboren wurde, überhaupt Wurzeln schlagen konnte, um seine cerebralen Funktionen entwickeln und die Mängel des Schulwesens ertragen zu können. Diese Art der systemischen Sichtweise haben wir dankenswerterweise bei Bert Hellinger gelernt. Nun treffen wir uns hier mit ihm und mit ähnlich denkenden Freunden, um den Kindern freiere Wege für ihre Zukunft zu bahnen. Dazu wünsche ich uns allen die Freude an der bewussten Wahrnehmung der über uns waltenden und uns inspirierenden Kräfte.

Ein etwas anderes systemisches Terrain

In meinem Grußwort auf diesem wichtigen Kongress betonte ich die These, dass es nie so viele unruhige, desorientierte, wenig belastbare, asoziale und vereinsamte Kinder gab wie ausgerechnet am gegenwärtigen kritischen Wendepunkt unserer Gesellschaft. Und ich füge noch hinzu, dass die vielen Eltern von heute ähnlich betroffen sind. Sie fallen mit einer sehr niedrigen Frustrationstoleranz, einer tiefen inneren Verunsicherung und einer Unverbindlichkeit, ja schlicht mit einer Lebensunreife auf. Schon ein nächtelang schreiendes Kind stellt ein Drama dar, unter dem die junge Mutter zusammenbricht. Von wegen dem Zusammenhalten in der Ehe in guten wie auch in schlechten Zeiten! Sobald das Zusammenleben keine Freude mehr macht, weil etwa Konflikte auftreten, klaffen die Ehen heutzutage auseinander. Dabei sind die Scheidungsraten mehr oder weniger nur virtuelle Zahlen. Weil die Trennung schon im Voraus mitbedacht wird, heiratet das junge Paar lieber erst gar nicht und erscheint somit nicht in der Statistik der Scheidungen. Alleinstehende Mütter und Väter sowie "Niemandskinder" nehmen zu.

Diese Beobachtungen sind uns all jenen vertraut, die im Vorfeld praktisch arbeiten. Während der Uniprofessor an seinem Schreibtisch darüber nur Hypothesen abgeben kann, etwa in dem Sinne, dass es sich dabei um keine neuen Phänomene handelt, sondern nur um Mängel des früheren Diagnostizierens. Auch versucht er die Entdeckung von bestimmten cerebralen Dysfunktionen aus dem Ganzen herauszuanalysieren, dabei ohne das Ei von der Henne zu unterscheiden. Jede Kindergärtnerin kennt jedoch das reale Bild. Sie hat nicht nur mit dem gesamten Verhalten des Kindes, sondern auch mit den Eltern, vorwiegend mit den Müttern zu tun, und weiß von dem Zusammenhang im Beziehungsgeflecht. Die älteren Kindergärtnerinnen haben den Vergleich. Sie berichten, dass früher die Eltern anders gewesen seien. Sie konnten dem Kind Grenzen setzen und hielten Versprechen ein. Wenn sie dem Kinde sagten, ich hole dich um 12 Uhr ab, so konnte sich das Kind darauf verlassen. Heute passiert es, dass die Mama erst nachmittags kommt, ohne dabei gesorgt zu haben, was das Kind gegessen hat. Zum Stillen seines Hungers - nicht nur nach Essen sondern auch nach Sicherheit- kauft sie ihm dann am nächsten Kiosk Pommes frites. Wenn das Kind in die Hose gemacht und mit einer Ersatzhose vom Kindergarten versorgt werden musste, so bedankte sich die Mama am nächsten Tage nicht nur mit Worten, sondern begleitete die Rückgabe der gewaschenen Unterhose auch noch mit einer kleinen Pralinenschachtel oder einer Blume. Heute wird ein solcher außerordentlicher Dienst als etwas Selbstverständliches erwartet. Ohne Blume und ohne Dank kommt die Unterhose in den Kindergarten zurück. Etwa nach dem Motto: Du wirst dafür bezahlt, dass du mich und mein Kind versorgst, also tue es. Die jahrzehntelang praktizierenden Berater und Erzieher stellen fest, dass dem veränderten Bild der Kinder und der Eltern gegensätzlich auffallende Bilder vorausgingen. Noch im frischen Gedächtnis sind die kleinen Tyrannen und die Eltern, die für das Recht ihres Kindes auf Selbstbestimmung je nach seiner Lust aktiv gekämpft haben.

Von welchen Kräften wird die Beziehungsdynamik zwischen den Kindern und den Eltern, den Eltern und den Erziehern, den Kindern untereinander und überhaupt die Beziehung der Einzelnen zum Leben gelähmt bzw. bis zum Chaos durchgewühlt? Und welche Kräfte werden eigentlich angegriffen? Wenn Du den Einzelnen danach betrachtest, fällt eine gestörte Grundhaltung zum Leben auf: entweder tendiert das Leben zur Sparflamme bis die Flamme ausgeht oder aber zu einem mächtigen, gewalttätigen bis vernichtenden Überschuss an Überlebenskraft. Jedenfalls fehlt die Bereitschaft, sich in Liebe und Achtung an den Nächsten zu binden. Der nach Bert Hellinger denkende Familienaufsteller denkt sofort an eine systemische Verstrickung und die Ergebnisse der Aufstellung geben ihm in vielen Fällen Recht. Von den vielen Erfahrungen, die ich als Schmiedchen ansammelte, nenne ich die unvergesslichste für mich, weil sie mir vom Schmied selber vermittelt wurde.

Bei einem von mir veranstalteten Seminar für schwierige Kinder stellte Bert das System eines typisch hyperaktiven Jungen auf, der in der Schule nur dank Ritalin erträglich war. Dabei zeigte sich, dass er nicht nur für sich, sondern auch für seinen vor ihm verstorbenen Bruder leben sollte, ja sogar hat er auch unter seinem Namen leben müssen. Seine Lebensaktivität war wirklich so hochgradig "hyper" als würde er sie für zwei produzieren müssen. Unmittelbar nach der Auflösung der Verstrickung wurde der Junge ruhig. Solange sich die Eltern damit ernsthaft befasst haben, dem verstorbenen Sohn den vollen Platz zu geben und den überlebenden Sohn mit seinem Zweitnamen anzureden, wurde der Junge dermaßen innerlich geordnet, konzentrationsbereit und ausdauernd, dass das Ritalin abgesetzt und die ergotherapeutische Behandlung beendet werden konnte. Und alsbald die Eltern die Absicht zum systemischen Ordnen aufgegeben hatten, weil ihnen die Namensänderung zu umständlich erschien, wurde der Junge, als wenn sich ein Kreisel dreht, wieder unruhig und sogar aggressiv.

Es sind uns allen die vielen Fälle der Kinder bekannt, die in sich nicht ruhen können und in Krankheiten und mit Unfällen stets dem Tod entgegen eilen, als würden sie sich nicht trauen, das Leben zu leben, wenn ein Familienglied vor ihnen das Leben aufgeben musste und aus dem Gedächtnis der Familie verschwand. Einen ähnlichen Auftrag, an jemanden zu erinnern, der den berechtigten Platz in der Familie verloren hat, spürt in seiner Seele auch das Kind aus der nächsten Ehe seiner Mutter oder seines Vaters, falls deren frühere feste Bindung nicht geachtet wurde. Es steht unter dem inneren Zwang, an die frühere Bindung zu erinnern und sich für diese Bindung zu rächen. Nicht nur die Mama hat es zu büßen, falls sie dem Vorgänger wehgetan hat, sondern auch der Papa, der ja dessen Rivale ist. Im Grunde verliert das Kind beide Eltern. Es verliert auch sich selbst, weil es ja wegen der Identifizierung mit einem Anderen nicht in seiner eigenen Haut steckt. Demzufolge neigen diese Kinder auf dem psychosomatischen Wege zur Neurodermitis. Diese systemische Verstrickung zeigt eine zunehmende Tendenz. Die Erklärung dafür liegt auf der Hand: zum Unterschied von früher werden die Kinder heutzutage viel später, also meist nicht in der ersten Bindung gezeugt. So wie die schwer erklärlichen Erziehungsschwierigkeiten zunehmen, steigt auch der Beratungsbedarf.

Nicht nur die guten, sondern auch die Scharlatane unter den Familienaufstellern haben Hochkonjunktur. Ich weiß von mehreren, die behaupten, bei Hellinger gelernt zu haben, sozusagen seine Schüler zu sein, obwohl sie lediglich seine Aufstellungen bei einigen wenigen Kongressen gesehen und seine Videokassetten studiert haben. Ich habe schon die abenteuerlichsten Erklärungen für die kindlichen Verhaltensstörungen gehört. Mal traut sich der Aufsteller zu deuten, dass das Kind von einem völlig anderen Vater gezeugt wurde, mal sei es identifiziert mit einem Geliebten der Oma, der als SS-Mann im Warschauer Ghetto Juden tötete, und da die Mama die Tochter dieser einst durch Nazis verfolgten Oma war, ist das Kind Täter und Opfer zugleich. Nun, wenn ein Licht der höheren Gerechtigkeit und der Aussöhnung in einem verwirrten Familiensystem aufleuchtet, ist bereits einiges für das Verstehen der Zusammenhänge und für die Einsicht getan. Dies gilt selbst dann, wenn die Aufstellung am Betroffenen ganz vorbeiging. In vielen Fällen bleibt die Verhaltensstörung sowie die unsichere, wenig empathische Atmosphäre in der Familie nach wie vor bestehen.

Hier stellt sich die Frage, ob die Wurzeln der Lebenskraft nicht noch tiefer angegriffen sind, sozusagen bis auf ihren substanziellen Grund. Die daran schließende Frage ist daher, ob es sich nicht um die Störung eines Einzelnen, sondern vielmehr um eine massiv verstreute Störung des ganzen morphogenetischen Feldes handelt. Ich verweise auf die uns bekannten Forschungen von Rupert Sheldrake über das Gedächtnis und die Lernvorgänge in der Natur. Hierzu einige Beispiele: wenn ein Seehund im Moskauer Zirkus einen Trick erlernte, erlernen ihn aufgrund der "Ansteckung" auch die Seehunde in Nordamerika. Wenn ein Intelligenztest eingeführt wurde, ist damit zu rechnen, dass das Erlernen der Lösungen sich ausbreitet und dass die nachfolgenden Probanden viel besser als die Ursprünglichen abschneiden. Es handelt sich um uns allen bekannte Erscheinungen. Wir wissen, wie eine Stimmung im Konzertsaal sämtliche Zuhörer ergreift, wie während der Rede eines Politikers die Stimmung und die Meinung der Gleichgesinnten zusammenfließen so etwa wie sich die Schwalben zum gemeinsamen Flug finden, oder wie eine Angst oder eine Euphorie die ganze Stadt und das ganze Volk anstecken kann. Die Geschichte liegt nicht weit zurück. Noch die Eltern der heutigen jungen Eltern unterlagen sowohl im nazistischen Deutschland als auch unter dem Einfluss der kommunistischen Diktatur dem massenhaften Fanatismus. Grundursächlich ist hier sicherlich nicht eine individuelle Verstrickung der führenden Persönlichkeit am Werke. Lediglich zählt dessen Einfluss als Mitursache etwa im Sinne eines Billardspielers, der die schon startbereite Kugel ins Rollen bringt. Diese ideologischen Strömungen, die Menschenmengen verführerisch mitziehen und dabei den freien Willen des Einzelnen betäuben und lähmen oder aber auch seinen Widerstand herausfordern, gehören in den Bereich der höheren Verstrickungen. Welche Mächte dahinter stehen, traue ich mich hier nicht aufzuführen. In den hohen Schriften sind diese prinzipiellen, seit Beginn dieser Welt schon wirkenden Mächte, immerhin schon als das Gute und das Böse dargestellt.

Meine These ist, dass die vielen, therapeutisch schwer beeinflussbaren Erziehungsstörungen sowohl bei Kindern, als auch bei ihren Eltern und Großeltern auf die Spannungen in den uns übergeordneten Kraftsystemen zurückzuführen sind. Für die Familienaufsteller handelt es sich dabei um nichts Irrationales. Sie müssen sich ja dieser Kraft hingeben, um sie wahrzunehmen. Von dieser guten Kraft werden uns die notwendigen Informationen auf dem Wege der Intuition und der Empathie vermittelt, wenn wir den Betroffenen helfen wollen. (Bert Hellinger benennt diese Kraft "höhere Seele" oder "das wissende Feld". Ich benenne sie gerne als "das himmlische Management".) Die tragende Heilkraft ist hier die Liebe. Die Liebe jedes einzelnen Menschen zu jedem seiner Mitmenschen und somit über das einzelne familiäre System hinaus bis hin zur Gemeinschaft in dieser Welt stellt die Weichen. Mit einem Konfessionsbekenntnis hat dieser Gedanke nichts zu tun, sondern vielmehr mit der reinsten Spiritualität. Um die fundamentale Störung herauszufinden, sozusagen den Frosch an der Quelle zu entdecken, liste ich nochmals kurz die Verhaltensauffälligkeiten der heutigen Eltern und Kinder auf:
  • Mangelhafte Fähigkeit Frustrationen zu ertragen, um Krisen in Chancen zu verwandeln.
  • Die Liebe wird nicht bedingungslos gelebt, sondern nur sofern sie Freude macht.
  • Die Balance zwischen dem Ich und dem Du ist zum eindeutigen Gunsten des Ichs aus den Fugen geraten. Das Nehmen ist attraktiv, nicht aber das Geben. Die Auswirkungen: schwaches Einfühlungsvermögen in den Anderen, Egoismus und wenig Aufmerksamkeit für die Probleme der Anderen.
  • Eine verwaschene Grenze zwischen dem Ja und dem Nein. Orientierungsverlust. Unsicherheit. Unverbindlichkeit.
  • Ziellosigkeit. Grundgefühl eines Provisoriums. Die Lebenslust ist vorwiegend auf den momentanen materiellen Genuss bezogen, nach dem Motto "Sorge Dich nicht, lebe!" Kurzsichtigkeit und Verantwortungslosigkeit in der Erziehung.
Im Hinblick auf diese Auflistung scheint der gemeinsame Nenner dieser Grundhaltungen in dem Verlust der Dualität verankert zu sein. Ich benutze lieber den Begriff "Polarität", weil er dem dynamischen Fluss zwischen den beiden Polen einen besseren Eindruck verleiht. Seit dem Urknall gelten diese beiden gegensätzlichen Pole als das Kraftwerk jeder Energie. Das Gesetz der Polarität ist die Festplatte schlechthin. Erst wenn diese vorhanden ist, lassen sich die Software- Menus installieren. Mit diesem Auftakt wurde am ersten Schöpfungstag das Licht von der Dunkelheit getrennt, es entstanden Tag und Nacht, oben und unten, Minus und Plus für den elektrischen Strom, Ausatmen und Einatmen, die Paarung der zwei gegensätzlichen Wesen Mann und Frau und das Wachstum der Kinder von klein zu groß.

Alles, was wächst, muss dazu die Kraft in der Auseinandersetzung mit Widerständen ausbilden. So bäumt sich auch jede Pflanze gegen die Gravitationskraft der Erde zum Licht hin auf, indem sie den Hindernissen im Inneren des dunklen Bodens und außen an der hellen Luft widersteht. Je mehr Auseinandersetzungen ein Baum zwischen Frost und Hitze, Feuchtigkeit und Dürre, Windböen und Windstille durchsteht, umso trainierter ist seine Widerstandskraft. Die gleiche Ausbildung seiner Lebenskraft braucht auch der Mensch, um lebenstüchtig zu werden. Erst muss er den Weg der Mühsal über stolprige Wege, durch schmale Tore, über Fehler, Enttäuschungen, Frustrationen, Probleme und Krisen einschlagen, um an deren Bewältigung zu wachsen und das Bewusstsein der eigenen Lebenskraft und somit der eigenen Identität zu entfalten. Dieses dialektische Gesetz gilt unabdingbar. Denn Chancen ohne Krisen gibt es nicht, sowie es das Atmen ohne das Ausatmen oder den Mut ohne die Angst nicht geben kann.

Und da die Grundessenz der Lebenskraft beim Menschen die Liebe ist, ohne der ja die Menschlichkeit nicht gelingen kann, braucht sie, wie jede andere Energie auch, den steten Austausch zwischen dem Ich und dem Du. Unter diesen Begegnungen ereignen sich immer wieder viele konträre Bedürfnisse zwischen dem Geben und dem Nehmen und oder in der Spannung der gegensätzlichen Gefühle wie Hass und Liebe oder Wut und Freude. Was den einen freut, wird dem anderen zum Groll. Indem sie sich konfrontieren, bekommen sie die Chance, sich gegenseitig ineinander einzufühlen und sich in Sorge um die verletzte und gefährdete Liebe sowie aufgrund der Sehnsucht nach ihrer Erneuerung sich um diese auch zu bemühen und sich an dem Wiederbeleben des Flusses der Liebe zu erfreuen. Durchgemachte Konflikte machen die Liebe bewusster, wahrhaftiger, zuverlässiger und verbindlicher. Erst dann bietet die Liebe das feste Fundament für das geborgene Zuhause. Die grenzenlose Liebe kann unter Grenzen fließen. Schwinden die Grenzen, gelingt die Liebe nicht.

Im krassen Widerspruch zu der rasant untergehenden Verbindlichkeit in den Zwischenmenschlichen Beziehungen wird in der materiellen, hochtechno- logisch sich zuspitzenden Welt auf die Polarität ein absoluter Wert gelegt. Denn ohne die beiden Gegensätze "on und off", "plus und minus" sowie "soll und haben" und dergleichen wäre das Funktionieren der Atomreaktoren, des Internets, der Börsen, der Banken, der Flugverbindungen, der chirurgischen Operationen, der Verkehrsicherheit usw. nicht realisierbar. Im technischen Bereich wird der Anspruch auf Genauigkeit und praktische Verbindlichkeit immer höher. Je konkreter das Materielle prüfbar und auf Schäden berechenbar ist und je kostenspieliger die Folgen sind, umso mehr wird Wert auf die Zuverlässigkeit gelegt. So kann man sich im geschäftlichen Bereich das unverbindliche Handeln nur eingeschränkt erlauben. Die roten Zahlen auf dem Konto belehren den Kaufmann eines Besseren.

Im Gegensatz dazu sind alle ideellen Bereiche durch Verluste der Polarität betroffen. Je weniger sie genau messbar und kontrollierbar sind, desto leichter und leichtsinniger gestattet sich der Mensch sein unverbindliches Handeln. Sein grundlegendes Bedürfnis nach Sicherheit holt er sich bei technisch zuverlässig funktionierenden Geräten. Demzufolge bindet sich der Mensch immer mehr an Geräte, die ihm Störungsfreiheit und Bequemlichkeit garantieren, als an die Mitmenschen und entfremdet sich der Menschlichkeit. Er merkt nicht rechtzeitig, welcher Schaden bei seinem tiefsten menschlichen Bedürfnis entsteht, da dieser Schaden sich zunächst im Unsichtbaren ereignet. Dafür aber zahlt der Mensch einen hohen Preis. Es kostet ihm nämlich die Liebe, das Kostbarste, wonach er sich sehnt. Nach den jüngsten Umfragen sehnen sich über mehr als 90% der Deutschen zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr nach einer großen Liebe für das ganze Leben. Also weiß die Seele des Menschen trotz aller ideologischen Labyrinthe immer noch, was sie braucht. Dem Menschen mangelt es aber an der Spannkraft, um die Ängste und Widerstände, die eben in schlechten Tagen ausbrechen, im Interesse des zu erneuernden Selbstwertgefühls, der Freude und der Liebe zu überwinden. So werden die Funken der Hoffnung aus den guten Tagen zur gescheiterten Illusion. Wenn es keinen Spaß mehr macht, ist es schlicht und einfach zum Kotzen. Dazwischen modern in einer grauen Zone die ungenutzten, ungeübten Energien. Unter der unerlösten Ambivalenz "weder - noch", mit der Hassliebe zu sich selbst und zur Welt und dem Gefühl der Sinnlosigkeit hat auch die eigene Identität kaum eine Chance zu wachsen.

Die Geschichte lehrt, dass sich der Mensch, benommen durch die Eitelkeit seiner Vernunft und seiner Machbarkeit, immer wieder eingebildet hat, das Materielle störungsfrei zu genießen und den Genuss zum Sinn seines Lebens zu machen. So wiederholt sich auch der Untergang solcher Zivilisationen jedes Mal auf dem Höhepunkt des materiellen Wohlstandes und des Hedonismus, der immer auch mit Egoismus und Nicht-Liebe sowie mit der Sorglosigkeit um die Zukunft einherging. Wir wissen vom Turmbau zu Babel und auch der Tanz um das goldene Kalb ist trotz der dazwischen vergangenen Jahrtausende eine immer noch lebendige Warnung. Doch ist unser Glauben und unsere Hoffnung, dass der stete Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen zwar der dem Menschen gegebene Schicksalsweg ist, aber eben auch, dass der Mensch das Gute gewinnen kann. Allerdings sollte er dabei rechtzeitig auf die Warnsignale achten. Vor was aber wird er gewarnt? Sicherlich nicht vor der hohen Technik oder vor dem materiellen Genuss selber. Die Warnung gilt erst dann, wenn diese Werte zum Monopol wurden, weil sie von der Polarität abgekoppelt worden sind. Warnend sind die Zeichen der verwelkenden Widerstandskraft und des Verzichtes auf das Wiederentdecken der Werte.

Im letzten Jahrhundert bekam die Gefährdung der Polarität im Zuge der zunehmenden Technokratie und ihrer ideologischen Wandlungen eine brisante Beschleunigung. So wie ich es in meinem Leben beobachten konnte, sowohl als Kind als auch als revoltierende junge Erwachsene und jahrzehntelang diagnostizierende Psychologin und Therapeutin bis hin zu meinem heutigen hohen Alter, sind für mich 4 Zeiträume erkennbar, in denen immer ein ausgeprägtes und ganze Menschenmassen prägendes morphogenetisches Kraftfeld wirkte. Jedes Mal nämlich wurde die substanzielle Lebenskraft herausgefordert, um sich der Polarität zu stellen. Je nach der Ideologie der jeweiligen Generation wurden die Auswirkungen dabei unterschiedlich. Dementsprechend unterschiedlich haben sich auch die Störungen der Persönlichkeitsentwicklung in eigenartigen Syndromen manifestiert.

s. Schema»

(...) Die Betrachtung der sich in Protesten aufbäumenden, neue Werte suchenden aber auch schwindenden Lebenskraft dient nicht nur als Warnung vor der Bedrohung, sondern im Sinne der Polarität auch als gesetztes Zeichen der Hoffnung. Die wesentliche Kraft ist noch nicht ganz verschwunden. Sie ist nur geschwächt und benötigt einer Auffrischung und Erneuerung. Wie etwa würden die nachkommenden Generationen diese Geschichte fortschreiben?

(...) Wie konnte es geschehen, dass die zivilisierte Gesellschaft ausgerechnet auf dem Höhepunkt des Rationalismus und der Strebungen nach Individualität sich einer Erziehungsrichtung verschreiben konnte, die aus Überzeugung die Persönlichkeit des Kindes einschränkt? Ein Teil der Antwort heißt: Solange der Mensch unter Naturbedingungen leben musste, war er notwendigerweise in den Schöpfungsgesetzen verankert. Deshalb durfte das Kind alle Vorteile seiner biologischen Gattung, nämlich des Nesthockers "Tragling" voll genießen. In den prägenden ersten 2-3 Jahren am Herzen der Mama und der anderen Familienmitglieder getragen fühlte sich das Kind vorbehaltlos geliebt und deshalb auch sicher gebunden. Unter der steten leiblichen Zuwendung konnte es alle Gefühle - auch den Ärger - äußern, ohne Angst haben zu müssen, deshalb bestraft zu werden. Stets hatte es die Chance, das Vorbild der Großen zu betrachten und zunehmend aus eigener Unternehmungslust heraus nachzuahmen.

Verblendet durch die technische Machbarkeit und im blinden Vertrauen auf den neuen Zeitgeist wurde das Instinktgebundene als das Altmodische verhöhnt. Statt sich am Herzen der Mutter zu erholen, wurde das Neugeborene seiner Vereinsamung im sterilen Säuglingszimmer ausgeliefert. Die Zuwendung bekam es nicht nach dem Gefühl, sondern nach dem Zeitplan der Verpflegung. Solange man Kinder trug, musste man sie unter allen Umständen, selbst wenn sie gestört haben, ertragen. Als aber diese Herzensbildung unter der leiblichen Nähe vermieden wurde, musste man die Kinder im Kinderwagen ziehen und erziehen. Ganz ohne die Körperlichkeit ging es allerdings nie! Die Kinder wurden dann mit Rute berührt oder durch Isolation bestraft, sobald sie sich zum Widerstand trauten.

Als Kind erlebte ich selbst die autoritäre Erziehung. Die tschechische war zwar nicht ganz so stur wie die preußische, aber streng genug, um das Kind zum totalen Gehorsam zu bringen. Man hat es entweder auf eine sanfte (siehe A. Miller "Das Drama des begabten Kindes"!) oder auch auf eine brutal unterdrückende Weise oder auf eine Kombination aus beiden im Sinne von "Zuckerbrot und Peitsche" getan. So wie alles auf der Welt hatte die autoritäre Welle ihre Vorteile und ihre Nachteile. Vorteilig waren klare Grenzen zwischen dem "ja" und dem "nein", sowie zwischen dem "Lob" und der Strafe. Der große Nachteil war, dass das Kind sich so oft wie nie vorbehaltlos geliebt fühlen konnte und seine widerlichen Gefühle nicht äußern durfte. Mit seinen Ängsten und seinem ungelebten Zorn musste das Kind selber fertig werden. Der angestaute Schmerz mündete im affektiven Stupor der Hysterie. Das war das Kardinalsyndrom der Zeit.

Als junge Psychologin erlebte ich noch einige wenige schwere Fälle davon, meistens aber jede Menge von hysterischen Ehefrauen und Omas sowie die vielen Abwandlungen der überangepassten, verklemmten und gehemmten Neurotiker, die ihre Sicherheit nicht beim Menschen, sondern ersatzweise durch Sauberkeit, Ordnen, Sammeln, Arbeiten, Erfolg und andere Marotten zwanghaft suchten. Viele davon - vom Duckmäusertum geprägt - haben sich auch von den diktatorischen Regimen zur Folgsamkeit manipulieren lassen. Auch hatte ich viel mit den Folgen der technisch gewordenen Art der Entbindung und der nachfolgenden Isolation des Kindes zu tun. Sie machten sich bemerkbar in Berührungsängsten und in zwanghaften Bindungen an zuverlässig funktionierende Ersatzobjekte wie etwa Lichtquellen oder Geräteschalter sowie in der motorischen Selbststimulation bis hin zum Autismus.

Mit dem Kriegsende entstand das euphorische Gefühl, nun endlich das angestaute Bedürfnis nach Freiheit ausleben zu können. In bestimmtem Maße wurden die sturen Schranken der schwarzen Pädagogik aufgelockert. Mit der Erziehung und mit der Sexualität ging man etwas freiheitlicher um. Der wahre Protest gegen das autoritäre Elternhaus fand aber fast nur in Bezug auf den Weltfrieden statt und weitgehend auf Kosten der Achtung den Eltern gegenüber, die den Krieg zugelassen und mitgemacht hatten. In Bezug auf die anderen Werte der Eltern ging es den Kindern mehr oder weniger nur um eine quantitative Veränderung: noch mehr Leistung bis zur Gipfelung des Wirtschaftswunders und noch mehr Genuss am Konsum.

Trotz aller äußeren Freiheit sind aber die Ängste vor der inneren Unfreiheit und der Nicht-Liebe als auch die Zwangsymptome weiterhin geblieben. Die Betroffenheit wuchs in der technokratischen Welt massenhaft und wirkte tiefgreifend. Man erkannte, dass der materielle Konsum das ersehnte Glück nicht brachte. Die vielen Süchte und die psychosomatischen Krankheiten wiesen auf den krankmachenden Zeitgeist hin. In den 68er Jahren erhob sich eine mächtige Protestwelle gegen die Technokratie der älteren Generationen. Eine dramatische Revolution gegen alle autoritären Zwänge (Kinderläden), für die Rückkehr zur Natur (Hippies, Tragen und Stillen der Kinder), für die Freiheit des ICHs (inkl. "mein Bauch gehört mir"), sowie für die Entscheidungen rein aufgrund der eigenen Lust im "jetzt und hier". Ein durchaus berechtigter Kampf für die neuen Werte. Bloß der Weg von einem Extrem ins andere hinterließ neben den Vorteilen auch Schäden.

Um ja nicht so autoritär wie eigene Eltern zu sein, machten sich die Eltern klein und ließen das Kind groß werden. Nicht das Kind musste sich den Eltern anpassen, sondern die Eltern dem Kind. Die Eltern trauten sich nicht das Kind zu strafen, sondern ließen sich von ihm bestrafen, wenn es ihnen nicht gelang, die Wünsche des Kindes rechtzeitig zu erfüllen. Scharenweise wurden die Beratungsstellen und die kinderpsychiatrischen Einrichtungen mit asozialen, anpassungsunfähigen kleinen Tyrannen und Prinzessinnen auf der Erbse überhäuft, die nicht gelernt haben mit Frustrationen umzugehen und sich anzustrengen. Dies hat scheinbar auch nicht sein müssen, weil ja alles bestens in fertiger Form und sofort vorhanden war - von den Barbie- Puppen und Videofilmen bis hin zum vom geputzten Gemüse im Supermarkt. Das Wirtschaftswunder machte es möglich, dass alle Wünsche schnell und perfekt erfüllt werden können. Nur das Geld dazu hat man gebraucht. Und die Eltern haben sich verpflichtet gefühlt, das Geld nach Wünschen des Kindes auszugeben. Diese Generation hat ebenfalls nicht gelernt, einen Konflikt mit den Eltern auszutragen, vielmehr sich von ihnen beleidigt abzuwenden und sich in die eigenen vier Wände zurückzuziehen, um hier die Beruhigung beim Fernsehen oder beim Gameboy zu suchen. Lange blieb die verletzte Polarität unerkannt, die sich in der Missachtung der schwachen Eltern und in Egomanie der Kinder äußerte. Zur zwangsläufigen Folge davon wurde eine schwache Identität, die sich den Herausforderungen des realen Lebens nicht zu stellen vermag.

Die Kinder der Eltern aus der 68er Generation sind heute selber Eltern und Pädagogen. Sie sind nicht ausgerüstet für die Prüfungen des Lebens. Sie wechseln die Arbeitsplätze, weil überall eine schwer überwindbare Unannehmlichkeit stört. Die meisten Lehrer erhoffen sich eine Frührente. Viele davon erkranken schon vorher an Burn-Out-Syndrom. Die Ehe hält nur solange es Spaß macht. Sobald die Umwelt im Widerspruch mit ihrer hedonistischen Lustorientierung ist, weil z.B. das Kind einen langen Schreianfall hat, bricht das Weltbild bzw. auch das Selbstbild der jungen Mutter und des Vaters zusammen. Sie fühlen sich ohnmächtig, ausgeliefert und stecken ihr Kind mit ihren Ängsten und ihrer Unruhe an. Die Empathie für die Bedürfnisse der Kinder fehlt. Weil sie in ihrem Kindesalter selber wenig Grenzen bekommen haben, können sie auch keine Grenzen setzen und geraten in ein "wischi-waschi". Die Auswirkung bei ihren Kindern manifestiert sich in ihrer Unruhe, in Störungen der Aufmerksamkeit und in Hyperaktivität.

Ferner fällt eine rasante Zunahme der kindlichen Kriminalität auf. Hier fragt man sich, wo die Väter sind, die die Aggressivität der Söhne steuern würden. Gegen was kann eigentlich die neue Generation protestieren? Für welche neuen Werte möchte sie kämpfen? "Damit es wieder so schön bequem ist, wie es bei meiner Oma noch war," sagte mir ein junger Mann mit einer Borderline-Störung. Die Oma war es, die ihn von Kopf bis Fuß bediente, um besser als ihre strengen Eltern zu sein. Seine eigene Frau hält ihn für kindlich, wenn nicht kindisch und brach mit ihm deshalb ab. Wer es erleiden muss, sind die gemeinsamen Kinder. Das ist jedoch nur ein Fall von vielen.

So also sind wir eben in das Chaos geraten. Wie geht es nun weiter? Was für Eltern werden aus den heutigen hyperaktiven Kindern? Meine Befürchtung ist, dass sie eine Protestwelle gegen ihre unzuverlässigen Eltern anstiften werden, die noch viel menschenfeindlicher sein könnte als die ehemalige schwarze Pädagogik es war. Denn diese fußte immerhin auf der Orientierung zwischen dem "Gut" und dem "Böse", während die heutigen Kinder diese Polarität in der Wertunterscheidung vermissen. Werden die Kinder von heute - Erwachsene von morgen - erkennen können, dass die Entwicklung der materiellen Güter viel schnell vorangeht, da sie immerhin in der Polarität verankert ist, während das von der Polarität abgekoppelte menschliche Gewissen immer mehr in den Hintergrund gerät? Verliert der Mensch seine Menschlichkeit an die Technik? Werden die Roboter in Zukunft den Ton angeben und den Menschen lenken? Und nach uns dann die Sintflut? Kann uns die Erneuerung der Menschlichkeit und der Friede auf dieser Erde noch gelingen?

Ich selber habe die feste Hoffnung, dass wir es schaffen können. Die einzige und unabdingbare Voraussetzung dafür ist jedoch, dass wir die höheren Systeme erkennen, die uns von der Weißheit der Schöpfung gegeben worden sind, und dass wir uns in diese Schöpfungsordnungen bewusst einbinden. Wie uns bekannt, heißt das Wort "einbinden" im Lateinischen "religo". In der prinzipiellen Religiosität, unabhängig von jeglichen Konfessionen, keimt unsere Hoffnung. Jirina Prekop

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